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Generationenmissverständnis

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Eine unbefriedigende Gebrauchsanweisung für Schubladendenker 

Generationsstudien sind spannend, in der Theorie unglaublich wertvoll, und zu genießen wie der Tatort am Sonntagabend. Wer versucht, diese Studien für die Praxis zu nutzen, wird weder der Gen-Z noch jeder anderen Generation des Alphabets gerecht. Was man trotzdem generell machen kann und warum sich daraus doch eine Gebrauchsanweisung erstellen lässt, erfahrt ihr in diesem Artikel. 

Die junge Generation ist faul und unmotiviert. 

Das sind Aussagen, die man immer wieder hört. Lange Zeit wurde dies über Millennials gesagt, nun bekommt die neue Generation mit solchen Floskeln auf den Deckel. Man würde annehmen, dass dies vor allem die Babyboomer-Generation ausspricht, allerdings hört man solche Aussagen vermehrt auch bei „jüngeren“ Personen. Erst kürzlich bemängelte ein Gründer (42 Jahre) eines Hamburger Tech-Startups öffentlich die Arbeitsmoral der Generation-Z (geboren ca. 1995–2010): „Wer nach 6 Stunden zum Yoga muss, ist für uns keine Hilfe.“1 

Ist das wirklich so? Lässt sich wirklich pauschal sagen, dass die jüngere Generation eher Lifestyle-orientiert ist und keine Arbeitsmoral mitbringt? 

Es scheint doch irgendwie paradox, dass jedes Jahr mehr und mehr Absolventen aus den Hochschulen kommen und das auch vermehrt mit Abschlüssen in Masterstudiengängen, und die jungen Absolventen trotzdem als egozentriert und faul eingeschätzt werden. So ein Abschluss erfordert doch ein hohes Maß an Disziplin, selbstwirksamem Arbeiten und Zielstrebigkeit2. Die jungen Wilden sind also top ausgebildet, selbstbewusst und faul? 

Es gibt unzählige Studien, die probieren, ein Rezept oder eine Gebrauchsanweisung für diese Wilden zu finden, um es den Führungskräften von heute einfach zu machen. Vieles, was in diesen Studien steht, ist empirisch erforscht, wissenschaftlich validiert und somit vertrauenswürdig. Für nationale Werbekampagnen sind das dann eventuell spannende Ergebnisse und mit solch generellen und undifferenzierten Daten hat Google schließlich auch mal angefangen, Werbung zuzuordnen. „Du jung, Du MTV und Jamba Spar-Abo” – oder so ähnlich. 

Today's young people differ from yesterday's. Context, Behavior and Consumption for different generations (baby boomer, Gen X, Gen Y, Gen Z). From McKinsey
https://www.mckinsey.com/industries/consumer-packaged-goods/our-insights/true-gen-generation-z-and-its-implications-for-companies#

Zu sagen, dass alle Menschen individuell sind und diese Individualität gesehen und angesprochen werden soll, ist allerdings genauso richtig, wie es auch plump und unnahbar ist.  

Ein theoretischer Ansatz weg von Generationsdenken 

Claire W. Graves hat seinerzeit an einer Theorie geforscht, die heute bekannt ist als “Spiral Dynamics”. Er war ein großer Verfechter von einer individuellen Realität und hat sich gegen geschlossene Systeme gewehrt, wie sie z.B. von Maslows Bedürfnispyramide angenommen wurden. Er konnte durch jahrzehntelange Studien mit seinen Studenten beweisen, dass die menschliche Persönlichkeit in insgesamt 7 Wertesysteme gegliedert ist, die jede Person in sich trägt. Seine Theorie wird heute auf vielen Ebenen aufgegriffen und im Rahmen von Persönlichkeitsentwicklung, Organisationsentwicklung, aber auch der Analyse von gesamten Kulturen eingesetzt. Die komplette Theorie hier in diesem Artikel abzubilden, würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen, aber ein kleiner Einblick, speziell in zwei der sieben Wertesysteme, macht an dieser Stelle absolut Sinn. Lila, Rot, Blau, Orange, Grün, Gelb, Türkis, das sind die sieben Wertesysteme, mit denen unsere Motivation und damit unsere inneren Triebfedern beschrieben werden können. In der folgenden Abbildung bekommt man einen Einblick darin, welche Werte hinter den Farben stecken. 

Spiral Dynamics

Ein besonderes Augenmerk möchte ich vorerst auf das lila Wertesystem lenken. Lila steht für Sicherheit, Loyalität, Hingabe und ein Bewusstsein für Traditionen und bewährte Routinen. Die bewusst falsche – weil pauschale – Aussage: „Früher waren die Leute mehr Lila“ möchte ich an dieser Stelle mal provokant stehen lassen. 

Springen wir etwas weiter zum gelben Wertesystem: Freiheit, Innovation, Selbstverwirklichung, analytisches Denken, bestehende Systeme hinterfragen und ein Spritzer Türkis, also das globale, ganzheitliche Denken, der „Impact“, genauer gesagt der größere Sinn hinter dem eigenen Tun – das klingt in etwa nach Werten, die die Millennials und die Gen-Z prägen könnten. Würden wir an dieser Stelle Schubladen aufmachen wollen und Generationen einzelnen Systemen zuordnen, könnte man jetzt aufhören zu lesen – denn das ist es, was sich viele wünschen und was viele Studien als Ergebnis ausspucken. Babyboomer=Lila, Millennials=Gelb, Generation Z = Türkis. Punkt. Gut. „Na also.“ 

Von der Theorie in die Praxis 

Sorry! Ehrlich. Denn so funktioniert es nun mal nicht in der praktischen Realität. Was Google in dem eigenen Algorithmus erkannt hat, müssen Führungskräfte und Schubladendenker auch akzeptieren. Jede Person ist komplex, einzigartig und wenn man jemanden wirklich verstehen möchte, muss man der Person auch zuhören und sie WIRKLICH verstehen wollen. 

Profile Dynamics entwickelte dafür eine eigene und praxisorientierte Interpretation der Studien von Graves und daraus ein Analysetool, welches individuelle Antriebsmuster von Personen sichtbar macht. Diese Ergebnisse lassen sich für die Potenzialentwicklung von Mitarbeitern und gesamten Organisationen anwenden. Laut Aussagen der Gründer lassen sich zwar durchaus Tendenzen einer durchschnittlichen Veränderung der Wertesysteme in Bezug auf Generationen feststellen, ein Pauschalisieren führt allerdings zu einer herben Fehleinschätzung nahezu jeden Individuums. Was die Ergebnisse der individuellen Analysen nämlich nicht machen, ist eine Stereotypisierung von Persönlichkeiten. 

Wenn sich eine Generation im Schnitt zu „mehr gelb“ und „mehr türkis“ entwickelt hat, bedeutet das, dass viele Dinge und Abläufe auf einmal hinterfragt werden. Es bedeutet auch, dass vernetztes Denken und ein analytischer Ansatz mit dem Wunsch der Optimierung oder Innovation etablierter Systeme entsteht. Im Zweifel bedeutet dies auch mehr Veränderungsprozesse, Innovation und ein hoher Wert an Selbstverwirklichung der Einzelpersonen. Es bedeutet aber nicht, dass diese Wertesysteme in Personen allein und unabhängig Persönlichkeiten definieren. 

Das Generationsmissverständnis entsteht, wenn man gesamte Generationen über einen Kamm scheren möchte und diese Tendenzen – wie es der besagte Hamburger Gründer nun tut – pauschal anwendet. Auch wenn im Schnitt mehr Gelb und mehr Türkis dabei ist als früher, sind wir doch alle verschieden, durch alle Wertesysteme geprägt und niemandem wird man gerecht, wenn man aus Bequemlichkeit oder Übermut Personen in ein Raster steckt. 

Schubladendenken war lange Zeit überlebenswichtig, um schnelle Entscheidungen zu treffen – es hat uns davor geschützt, dass wir sicherheitshalber und ohne zu zögern vor hüfthohen Vierbeinern im Wald davonliefen. Es könnte ja ein Wolf sein, der uns töten will – vor uns Millennials, der Genz-Z und auch allen anderen Generationen, die noch kommen werden, braucht man aber keine Angst zu haben. Wir beißen nicht, wir wollen nur verstanden werden, Fragen stellen dürfen und wenn man uns lässt, haben wir sicher auch gute Ideen. Wenn sich Yoga um 17:00 Uhr mit den Aufgaben und den Unternehmenszielen vereinbaren lässt – was spricht denn dagegen? Es gibt eh kein Davonlaufen, denn Stand 2020 besteht die globale Arbeitnehmerschaft schon zu 51 % aus Gen-Y und Gen-Z. 

Und nun? 

Die Frage, die nun für viele im Raum steht: Wie bringt man die jungen Wilden jetzt zum Arbeiten? Wie aktiviere ich das Potenzial dieser gut ausgebildeten und intelligenten Freidenker:innen? 

Eine einfache und unbefriedigende Antwort: Fragt nach, seid neugierig, versucht, die einzelnen Persönlichkeiten zu verstehen und Euch auf individuelle Bedürfnisse einzustellen. Das geht mit Tools wie Profile Dynamics® oder aber auch der guten alten Empathie und einem offenen Dialog. 


Thanks to Julián Gentilezza for making this photo available freely on @unsplash 🎁 

  1. Welt, Paywall
  2. https://www.forschung-und-lehre.de/lehre/zahl-der-hochschul-absolventen-in-der-eu-steigt-1719/
  1. Marcel Marcel

    Toller Artikel. Macht Lust auf mehr!

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