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Digital Overload – die Reizüberflutung besiegen

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Eine Beobachtung aus dem Alltag (Torsten Katthöfer)

„Ich besitze eine Smartwatch. So eine pfiffige Uhr, die den Luftdruck und meinen Puls misst, mir beim Rennradfahren alles über meinen Trip verrät und die auch noch ungemein schick und modern aussieht.

Ursprünglich habe ich die Smartwatch zur Wettervorhersage und als sportlichen Begleiter gekauft, doch schnell wurde mir klar, dass sie mich ja auch benachrichtigen kann. Erst als Wecker, dann bei Anrufen auf meinem Smartphone, dann bei fälligen Terminen, WhatsApp- und Teams-Nachrichten, bei Twitterposts und Facebookmessages. Soweit, so praktisch. Ich verpasse nichts.

Irgendwann, in meiner Corona-Sommer-Urlaubsvorbereitung, ertappte ich mich dabei, wie ich – möglicherweise schon aus motorischer Gewohnheit – jede eintreffende Benachrichtigung OHNE drauf zu gucken einfach wegdrückte.

In der Tat suchte meine treue Begleiterin alle 10 Minuten meiner Aufmerksamkeit. Und errang sie auch, immerhin einen Kopfdruck voller Aufmerksamkeit. Das Mindestmaß halt. So ähnlich wie ein Tamagotchi (falls jemand noch weiß, was das ist, es handelt sich um sinnfreie Lebenszeitverschwendung par excellence).

In meinem Segelurlaub habe ich mir selbst (nur) eine Woche “digital Detox” verordnet. Da ich meine Smartwatch für die ursprünglichen Nutzenaspekte nutzen wollte, nämlich die barometrische Beobachtung des Wetters und Aufzeichnung zurückgelegter Strecken, sanktionierte ich mein Smartphone in den Benachrichtigungen. Übrig blieben nur Benachrichtigungen, die ich als wichtig eingestuft hatte. Um es kurz zu machen: Ich habe nichts verpasst und wurde nicht gestört.

Längst wieder aus dem Urlaub an den (mobilen) Schreibtisch zurückgekehrt, habe ich an den Benachrichtigungseinstellungen gar nichts geändert. Meine Smartwatch lässt mich in Ruhe, außer, es ist wichtig. Ich verpasse nun nichts mehr. Und ich brumme nicht permanent.“


Digital Overload?

In diesem Artikel wollen wir mal nicht die Vorteile digitaler Arbeitsweisen herausstellen, sondern den Digital Overload – also die kognitive Überforderung der Nutzer:innen digitaler Medien – und die Konsequenzen daraus auf die tägliche Arbeit erläutern. Ein Aspekt, der sich zweifellos als Schwarzer Peter im New-Work-Quartett entpuppen kann.

Eine mögliche Definition

In der Wissenschaft ist das Phänomen Digital Overload schon länger bekannt. Jones, Ravid & Rafaeli (2004) unterscheiden beispielsweise zwischen unterschiedlichen Aspekten, die bei der Kommunikation mit digitalen Medien eine Rolle spielen. Zum einen kann es zum sog. Conversational Overload  kommen, also wenn eine große Menge an Nachrichten ankommt und man darauf nicht mehr adäquat reagieren kann. Zum anderen kann eine sog. Information Entropy auftreten, wenn die Inhalte der eingehenden Informationen nicht mehr nach Wichtigkeit priorisiert werden können.

Ruthkowski & Saunders (2010) greifen in ihrer Definition ähnliche Aspekte auf. Sie beschreiben eine emotionale und kognitive Überladung mit Informationstechnologie als negativen Folge, die sich aus der Nutzung digitaler Technologien ergibt. Es geht um das Problem, die von der Technik angebotene Informationsmenge zu verarbeiten.

In beiden Studien wird ein Gefühl der kognitiven Überforderung mit der reinprasselnden Informationsmenge beschrieben. Die Menge der Information ist einfach zu groß, um adäquat durch das Nadelöhr menschlicher Wahrnehmung zu passen.

Konsequenzen von Digital Overload

Wenn Inhalte nicht mehr nach ihrer Wichtigkeit priorisiert werden können, entscheidet im Zweifelsfall die Dringlichkeit und Invasivität des Benachrichtigungssignals über die Relevanz einer Information. Es steht außer Frage, dass sich das negativ auf das Arbeitsverhalten auswirkt. Aber wie können Verhaltensweisen aussehen, die helfen, das Gefühl des Digital Overload zu reduzieren?

Multitasking und der Versuch, mehrere Aufgaben parallel zu erledigen, scheint in der Theorie ein guter Ansatz zu sein. Multitasking mag auch funktionieren, wenn es sich um kleinere Aufgaben handelt, die erledigt werden müssen. Aber die Realität ist leider eine andere. In einer Arbeitswelt, in der mit digitalen Medien kommuniziert wird, sind Arbeitsinhalte oft zu komplex, um sie einfach „abzuarbeiten“. Sie erfordern eine größere gedankliche Tiefe, als mit Multitasking erreicht werden kann. Komplett ungeeignet für Multitasking sind außerdem Aufgaben, die einen synchronen Austausch mit anderen Personen erfordern.   

Ignorieren oder komplettes Ausschalten eingehender Nachrichten trägt zwar dazu bei, das Gefühl der Überforderung zu reduzieren. Allerdings kann dieses Verhalten negative Konsequenzen haben, wenn nämlich wirklich wichtige Nachrichten mit akutem Handlungsbedarf ankommen und sie einfach übersehen werden.

Digital Detox, wie die oben beschriebene prioritätsorientierte Einstellung der Smartwatch könnte eine gute Lösung für den Umgang mit Digital Overload. Wie diese Priorisierung dann aussehen kann, muss jeder Mensch für sich selbst entscheiden. Zugleich können wir selbst helfen, die Infoflut einzudämmen. Grundsätzlich sollte man sich auch vor jeder verschickten Nachricht fragen, ob sie wirklich nötig ist. Moderne Kollaborationstools bieten zudem die Möglichkeit, mit Statusmeldungen zu arbeiten oder einen „Beschäftigt“-Status einzustellen. So wissen andere, wann das Gegenüber überhaupt Zeit hat zu reagieren.

Fazit: Eine Kompetenz in der digitalen Arbeitswelt ist das Einordnen von Nachrichten nach deren Wichtigkeit. Zugleich lässt sich die Überforderung von Empfänger:innen reduzieren, wenn man deren Befindlichkeiten (zum Beispiel deren Statusmeldungen) berücksichtigt. Dann könnte die Smartwatch im Urlaub ohne Info-Sanktionen mitfahren. Weil der Status auf „Abwesend“ gestellt ist und die Statusmeldung „Bin im Juli auf See im Urlaub“ sagt. Und das von allen respektiert wird.


Titelbild: Photo by Luis Villasmil on Unsplash

Quellen: Rutkowski, A., & Saunders, C. (2010). Growing Pains with Information Overload. Computer, 94-96. doi: 10.1109/MC.2010.171   

Jones, Q., Ravid, G., & Rafaeli, S. (2004). Information Overload and the Message Dynamics of Online Interaction Spaces: A Theoretical Model and Empirical Exploration. Information Systems Research, 15(2), 194-210 

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